Der Besuch der jungen Dame

„Der Besuch der alten Dame“ dramatisiert die Korrumpierbarkeit des Menschen.

Da man für Geld eben fast alles kaufen kann, kauft sich Dürrenmatts Protagonistin Claire Zachanassian, was sie in ihrer Jugend so schmerzlich vermisst: Gerechtigkeit!

Durch Heirat bzw. Erbschaft zu Milliarden gekommen, rächt sie sich an den Bewohnern ihres Heimatortes für die öffentliche Entehrung, die sie durch den Verrat ihres einstigen Geliebten erfuhr. Adam Ill ließ sie mit einem unehelichen Kind sitzen und machte sie zur Hure.

Die Korrumpierbarkeit des Menschen wie der Wunsch nach Gerechtigkeit auch in Form der Rache sind unvermindert aktuelle Themen. Für eine Neuinszenierung der Stückvorlage, die 1961 erstveröffentlicht wurde, schien interessant, dass sich die Wege öffentlicher Bloßstellungen genauso modernisiert haben wie die Wirtschaftsstruktur mitteleuropäischer Kleinstädte: Die Zeiten von Stahlwerken und Textilfabriken ist längst vorbei.

Kollektive Ausgrenzungen und öffentliche Bloßstellungen, die von den Opfern als so schmerzlich empfunden werden, dass sie sich den Tod der Täter wünschen, erfolgen heute durch Mobbing und werden über das Internet verbreitet. Obwohl es Rädelsführer oder Haupttäter gibt, machen viele mit, können sich am Ende aber am Ende der Verantwortung entziehen.

 

Weil schon Dürrenmatt meinte, dass er sich nicht sicher wäre, ob er anders gehandelt hätte als seine Güllener, haben wir eine Szenario entwickelt, das möglichst nah an unserer, d.h. Kettwiger Lebensrealität dran ist:

Unsere Protagonistin wurde von ihren Mitschülern gemobbt und von demjenigen, dem sie am meisten vertraut hat, verraten und öffentlich bloßgestellt: Um sich durch seine Liebe zu Clara nicht selbst zu isolieren und den Beifall seiner Mitschüler zu finden, hat Adam kompromittierende Fotos seiner Freundin ins Netz gestellt. Mittels eines Kettenbriefes werden sie von Mitschülern schnell über Kettwig hinaus verbreitet und das Netz vergisst nicht so schnell.

Unserer Clara fühlt sich dadurch so bloßgestellt, dass sie die Schule abbrechen und sich in psychologische Behandlung begeben muss. Das letzte, was man von ihr hörte, war, dass sie in London Finanzökonomie studiert haben soll.

Zwanzig Jahre nach dem Abitur unserer Schüler ist Kettwig auf rätselhafte Weise verarmt, so dass keiner weiss, wie es mit ihm selbst und der Stadt weitergehen soll. Auf einem Ehemaligentreffen klagt man sich sein Leid und schwärmt von früheren Zeiten, als alles besser war.

Dass und vor allem wie auch Clara zu diesem Treffen kommt, ist für alle sehr überraschend…

Wie Clara, die inzwischen Paulson heißt, in so kurzer Zeit zu so unverschämt viel Geld gekommen ist, verrät sie erst im Laufe unseres Stückes.

Auch „Der Besuch der jungen Dame“ nimmt den von Dürrenmatt vorgezeichnete Lauf…